Abschied von Drähten und Kabeln

Zitat:  
Die Drahtloskommunikation schwappt von den Haushalten auf die Unternehmen über. Immer mehr nutzen professionelle Informatiker und Netzwerker Plattform und Beratung von privaten Netzwerkgemeinden.
computerworld.ch, Ausgabe Computerworld 13/2004, 26.03.2004 
David Meili
   
 

Ein drahtloses Heimnetzwerk kann heute für weniger als 200 Franken realisiert werden. Nur noch zwei bis drei Installationsschritte sind nötig, und die Stolperdrähte im Home-Office gehören der Vergangenheit an. Doch die Verbindung zwischen Laptop, Drucker und ADSL-Router (Asymmetric Digital Subscriber Line) ist erst der Beginn einer heimlichen Revolution, die in den kommenden Jahren zu grundlegenden Veränderungen führen wird wie das Internet.

Die heute verfügbaren Geräte nutzen einen Frequenzbereich um 2,4 GHz (alternativ 5 GHz), der in den sechziger Jahren weltweit den Mikrowellengeräten zugewiesen wurde. Man nahm damals an, dass sich die Küchengeräte schlecht mit anderen Kommunikationsdiensten vertragen würden und schied diese Bandbreiten sozusagen für Schmuddelanwendungen aus.

Heute sind Mikrowellengeräte nicht einmal mehr als Störquellen bei Heimnetzwerken relevant. Die von ihnen ausgehende Strahlung ist schon nach einem Meter Distanz kaum mehr messbar. Umso populärer ist der frei nutzbare Frequenzbereich jedoch für lokale Anwendungen. Alle nur denkbaren elektrischen und elektronischen Geräte lassen sich damit steuern. Vor allem auf dem Internet hat sich ein kaum mehr definierbarer Markt für 'Devices' entwickelt, der sogar von der renommierten Zeitschrift 'Wired' in einem eigenen Newsletter kommentiert wird. In den entsprechenden Foren werden immer wieder Geschichten von Bastlern wiedergegeben, die sich selbst kaum mehr in ihr vernetztes Haus wagen, da sie nicht wissen, welche Geister sie gerufen haben.

Leistungsgrenzen
Für den einzelnen Konsumenten ist die Marktsituation verwirrend. Neue Produktegenerationen folgen in vierteljährlichen Abständen. Der Nutzen der jeweiligen Innovationen ist oft nur schwer zu erkennen, wenn man sich nicht von Leistungsdaten blenden lässt. Hinzu kommt, dass für hohe Übertragungsraten noch keine verbindliche Standards definiert sind. Jeder Hersteller verwendet seine eigenen Protokolle, und wenn die unterschiedlichen Geräte untereinander zusammenspielen, dann meist nur auf dem gemeinsamen Nenner des 802.11b-Protokolls mit einem Datendurchsatz von maximal 11 MBit/s. Im Handel befinden sich jedoch bereits Lösungen, die bis zu 140 MBit/s unterstützen und dadurch leistungsmässig keine Unterschiede zu Festnetzen aufzeigen.

Das Bakom (Bundesamt für Kommunikation setzt ganz klare Grenzen bezüglich der Leistung von WLANLexikon-Geräten. Wie in Deutschland, darf auch in der Schweiz die Sendeleistung von 100 Milliwatt nicht überschritten werden. Die Steigerung der Leistung durch Booster, die auf dem Graumarkt verfügbar sind, wird mit hohen Bussen geahndet. Ebenso sind Aussen- und Richtantennen grundsätzlich nicht zugelassen. In einem aufschlussreichen Gespräch haben die Spezialisten des Bakom dargelegt, dass sich die Tuner von Heimnetzen selbst Fallen bauen. Mit einer Vergrösserung der Reichweite steigt die Gefahr von Interferenzen und damit der Unzuverlässigkeit der Datenübertragung.

Wenn einige Hersteller Reichweiten von mehreren hundert Metern angeben, so ist auch hier Vorsicht geboten. Mit einer Richtantenne und unter besten Witterungsverhältnissen ist eine Verbindung vom Zürcher Limmatquai bis zum Turm des Üetlibergs möglich. Bei armierten Betonwänden kann bereits die Vernetzung der Spielkonsole im Wohnzimmer mit dem Router im Home Office scheitern. Verführerisch an der neuen Technik sind die günstigen Preise der Komponenten. Frustriert sind die Netzwerkler über zumeist erbärmlich schlechte Treiber, über unvollständige Software und unverständliche Gebrauchsanleitungen. Insbesondere in der Linux-Gemeinde kommt wenig Freude auf. Es ist durchaus möglich, unter ausgereiften Distributionen wie Suse oder Red Hat ein WLAN in Minuten zu installieren, doch wenn man Pech hat, kann es auch gar nie zum Laufen kommen. Als Geheimtipp gilt daher, Auslaufmodelle eines der Marktführer anzuschaffen. Hier besteht die Chance, dass die Tücken auf dem Internet bereits dokumentiert sind.

Bedarf an Beratung
Dass ein grosser Bedarf an Beratung besteht, stellten im vergangenen Jahr auch einige junge Berner fest, als sie Plattformen auf dem Internet wie Wireless-Forum und Wireless-Bern eröffneten. Unter wireless-forum.ch sind bis heute mehr als 3000 Mitglieder eingetragen, die insgesamt über 13'000 Beiträge verfasst haben.
(15'754 Mitglieder, 89'268 Beiträge, Stand September 2008)

Bezeichnend ist, dass immer mehr professionelle Informatiker und Netzwerker die Plattform und Beratung der Berner Community nutzen. Im Laufe der letzten Monate zeigte sich, dass die Fragen im Wireless-Forum zunehmend spezifischer und technischer wurden. Obwohl erst wenig populäre Fachliteratur über WLAN vorliegt, hat sich der Wissensstand der Benutzer stark verbessert. So lag es nahe, mit einem im Januar 2004 als Wireless Community Bern gegründeten Verein Fachleute, Anbieter und Anwender zu einer gemeinsamen Tagung zusammenzubringen. Als Nonprofit-Organisation hat die junge Drahtlosgemeinde eine besonders hohe Glaubwürdigkeit, auch wenn die Idee, gerade in diesem stark kommerzialisierten Umfeld für einmal kein Geld zu machen, da und dort auf Kopfschütteln stiess.

David Meili, Dr., ist selbständiger Berater und Autor mit den Spezialgebieten Echtzeit-Kommunikation und E-Learning.

Was die Initianten von freien Funknetzen wollen – Freifunk.net
Initiative zur Förderung freier (Funk-)Netzwerke Wireless-LAN-Technik (WLAN) ermöglicht es, sich über die eigenen Grundstücksgrenzen hinaus, legal und lizenzfrei mit Menschen in der unmittelbaren Umgebung drahtlos zu vernetzen. Auf Grund der relativ hohen Bandbreite sind sogar Anwendungen wie Voice over IP (Voip) oder die Übertragung einfacher Video-Streams möglich. Die Notwendigkeit, den Umweg über einen Provider zu gehen, entfällt. Die Datenübertragung ist völlig kostenlos möglich.

Die selbstgestellte Aufgabe von Freifunk.net besteht darin, Menschen über die technischen Möglichkeiten von WLAN aufzuklären und sie in die Lage zu versetzen, diese Technik selbstständig einzusetzen. Neben der Vermittlung technischer Grundlagen wird der Prozess der Community-Bildung dabei aktiv unterstützt. Unter der Adresse http://freifunk.net betreiben die Initianten von freifunk.net ein magazinartiges Internetportal, führen Veranstaltungen durch und halten regelmässig Vorträge.

Prinzip freier Funknetze: freier Datentransit
Damit freie Funknetzwerke funktionieren, muss jeder einen Teil seiner eigenen technischen Ressource den anderen zur Verfügung stellen. Nur so ist es möglich, per WLAN auch Menschen zu erreichen, die sich nicht im RadiusLexikon der eignen WLAN-Hardware befinden. Die Verbindung zu einer weiter entfernten Person funktioniert nur, wenn die dazwischen liegenden Stationen als Funk-Relais fungieren und einen Teil der eignen Bandbreite für diese Aufgabe zur Verfügung stellen.

In internationaler Kooperation hat Freifunk.net an der Entwicklung eines Textes mitgewirkt, dem sogenannten Pico-Peering-Agreement, welches dieses grundsätzliche Prinzip für freie Netzwerke in einer Art Vertragstext beschreibt.

Summer Convention 2004
Dieses Jahr veranstaltet freifunk.net wieder eine Summer Convention, zu der WLAN-Communitys aus der ganzen Welt eingeladen sind. Die Veranstaltung findet am 4. und 5. September 2004 in Djursland, Dänemark, statt. Dort befindet sich eines der grössten selbstorganisierten WLAN-Netze Europas. Vom 06. bis 10. September 2004 wird dort im Anschluss ein Workcamp statt finden, um die Menschen vor Ort konkret beim Ausbau ihres Netzes (eines der grössten Europas) zu unterstützen.

Link
Summer Convention 2004, freifunk.net
Pico-Peering-Agreement, freifunk.net