WLAN in St. Gallen - Router sucht Routerin

Zitat:  
Gratis surfen im Internet ist in St. Gallen dank WLAN fast von jedem Punkt aus möglich. Eine simple Vermehrungsstrategie machts möglich: Jeder Router sucht den naechsten und traegt so aktiv zur weiteren Verdichtung des Netzwerkes bei.
Eisbrecher, Kundenzeitung des BIT, Nr. 29, April 2008
Autor: Ernst Schlumpf

Co-Autor: Urs Kofmehl, Stadtverwaltung St. Gallen, Projektleiter Openwireless SG

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Viel Enthusiasmus, Durchhaltewillen und Herzblut, ein fortschrittlicher oberster Chef (der Stadtpraesident von St. Gallen) und ein direkter Vorgesetzter (der Leiter des Organisations- und Informatikamtes der Stadt St. Gallen) mit der Bereitschaft, auch fuer Aussergewöhnliches Ressourcen frei zu machen — dies in Kurzform die gegebenen Voraussetzungen fuer das Projekt Wireless St. Gallen. Begonnen hatte alles Mitte 2005, als erste Kommunen in der Schweiz WLAN-Installationen fuer Internetzugang planten und realisierten. St. Gallen suchte einen eigenen Weg und fand ihn im Einbezug der Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt. Sie sind — und das unterscheidet dieses Projekt bis heute von allen anderen — die wichtigste Voraussetzung fuer die Ausbreitung des St. Galler Openwireless. Die Benutzerinnen und Benutzer haben einmalige Kosten: Die speziell konfigurierten WLAN-Router kosten rund 100 Franken. Damit erhaelt man den Internetzugriff und wird gleichzeitig Teil des Netzwerkes. Die Technologie eines selbstverwaltenden Netzwerkes ist so einfach wie genial: Neue WLAN-Router mit spezieller Firmware uebernehmen das Signal, leiten es automatisch weiter und werden so Teil des Netzwerkes. In einer vorbereitenden Studie ueber die aktuellen WLAN-Technologien und -Projekte zeigte das Institute of Networked Solutions (INS) der Hochschule Rapperswil, dass der guenstige und weit verbreitete WLAN-Standard 802.11g die richtige Technologie sei. Beim anschliessenden Vergleich kommerzieller und nicht-kommerzieller WLAN Projekte stach dem Projektteam die Initiative Freifunk Berlin ins Auge. Deren Ziel: Internetzugang fuer Personen ohne Breitbandanschluss.

Idee, Pilotphase, Realisierung
Die Leitidee des St. Galler Projekts liess sich nun formulieren: Alle interessierten Einwohnerinnen und Einwohnern erhalten gebuehrenfreien Internetzugriff. Die Voraussetzungen: Ein «freies Funknetz», öffentlich zugaenglich, unzensiert und im Besitze einer so genannten Community. Die Geschaeftsleitung der St. Galler Stadtwerke liess sich von der Idee ueberzeugen und sicherte die Finanzierung zu. Die Studentenschaft der Universitaet St. Gallen sicherte Unterstuetzung zu und klaerte die gesetzlichen Rahmenbedingungen ab. Studierende stellten sich als Pilot-Teilnehmer zur Verfuegung. Die Hochschule Rapperswil als weiterer Partner uebernahm die technische Konzeption der Backbone-Infrastruktur und die Programmierung des Gateways (Uebergang des WLAN-Netzes ins Internet). Die Projektleitung kontaktierte die Community Openwireless, welche ihre Wurzeln in Bern hat. Das Projekt bekam die Zusicherung, dass es die Weiterentwicklung bzw. die Anpassung der Berliner Freifunk-Software auf Schweizer Beduerfnisse sowie den Webauftritt (openwireless.ch) fuer das Vorhaben nutzen durfte. Somit waren wesentliche Voraussetzungen erfuellt. Die drei markanten Gebaeude Rathaus, Kantonsspital und Verlagshaus St. Galler Tagblatt wurden zu Hauptzugriffspunkten ausgebaut. Auf jedem dieser Gebaeude stehen je vier normale WLAN Router aus dem Fachhandel, die alle vier Himmelsrichtungen fuer Internetzugriffe abdecken. Rund zwei Dutzend Studentenwohnungen wurden ebenfalls mit WLAN Routern ausgestattet. Der Verein „Openwireless St. Gallen“ gruendete sich, das Vorhaben wurde dem BAKOM gemeldet. Am 21. Dezember 2006 ging das Projekt vor die Medien und in eine rund dreimonatige Pilotphase mit Tests und Optimierungen. Ende Maerz 2007 gab es aber noch keine Anzeichen fuer einen offiziellen Start. Dieses «Stillhalten» hatte durchaus seinen Grund: Das Projekt sollte an der Eröffnung der Fruehlings- und Trendmesse OFFA in St. Gallen am 11. April offiziell vorgestellt werden. Das Interesse der Messebesucher war ueberwaeltigend. Dank der Mitarbeit einzelner St. Galler Fachgeschaefte sind laut Chris Thomann, Medienverantwortlicher des Vereins Openwireless St. Gallen, bis heute ca. 900 WLAN-Router verkauft worden. Das Netz wurde rund 80’000 mal genutzt. An einer breiteren Durchdringung wird laufend gearbeitet.

Kritische Punkte
Die WLAN-Router muessen rund um die Uhr eingeschaltet bleiben, um eine Verbreitung des Netzes und eine gewisse Stabilitaet zu erreichen. Einige kritische Punkte geben immer wieder zu Diskussionen Anlass, allen voran die Strahlung und die Sicherheit. Die Strahlung ist laut Betreibern und Behörden zu wenig erforscht, um definitive Aussagen und Empfehlungen zu machen. Das Bundesamt fuer Gesundheit (BAG) jedenfalls sieht keine Gefaehrdung der Gesundheit durch WLAN. «In Bezug auf die Sicherheit des Netzes gab es bisher keinerlei Probleme», sagt Chris Thomann. Die Router sind durch eine Firewall geschuetzt. PCs und Laptops können zudem mit aktuellem Virenschutz und einer Desktopfirewall, VPN (hamachi.cc, etc.) ausgeruestet werden. Generell ist Openwireless St. Gallen nicht unsicherer als kabelgebundene Internetzugriffe, auch fuer Onlinebanking nicht.

Strategien der Technik und des Marktes
St. Gallen hat als einer der Pioniere zweifelsohne grosse Vorarbeit geleistet. Andere Orte aber sind ebenfalls nicht untaetig geblieben. Die Systeme unterscheiden sich jedoch grundlegend. In der Mesh-Strategie St. Gallens, also der möglichst engen Vermaschung, kreiert sich das gesamte Funk-Netzwerk selbst. Aehnlich arbeiten die anderen Mitglieder der Openwireless-Community. Luzern hingegen waehlte einen anderen Weg: Access Points, also Sende- und Empfangsstationen, sind dort in Strassenlaternen untergebracht. Der User steuert sie mit einem Laptop mit WLAN Karte oder mit einem WLAN-faehigem Handy oder PDA an und erreicht so via Access Points und Glasfasernetz das Internet.

Wo WLAN ist, ist ein potentieller Markt. Dessen Zukunftsaussichten sind ziemlich rosig. Allerdings wollen gar nicht alle Anbieter ihr Angebot vermarkten. «Kostenpflichtige WLAN-Angebote können durchaus Sinn machen fuer eine bestimmte Zielgruppe», betont Chris Thomann. «Wireless St. Gallen möchte aber gar nicht mit bestehenden Angeboten zu fest installierten Internetanschluessen oder mobilen Zugaengen ueber das GSM-UMTS-Netz konkurrieren. Ein mit dem Notebook reisender Geschaeftsmann wird nach wie vor seine Mobility-GSM-Karte verwenden, auch wenn er in St. Gallen ist.» Ganz anders interpretiert man das Vermarktungspotential in Luzern. Hier wurde von allem Anfang an angestrebt, dass Telekomprovider laengerfristig eine zentrale Rolle spielen. Diese ins Boot zu holen, ist allerdings gar nicht so einfach. Daniel Zemp, Projektleiter WLAN Luzern, nennt die Gruende: «WLAN ist massiv guenstiger als UMTS, es arbeitet mit höheren Datenraten bei weniger Strahlenbelastung. Es kann aber die Internetangebote und das klassische Telefongeschaeft der Telekomprovider stark beeinflussen.» Das ist der Grund fuer deren Zögern, und so lange sie nicht mitziehen, bleibt WLAN Luzern gratis, da werbefinanziert. Ob es auf dieser Basis allerdings eine Zukunft hat, steht laut Zemp noch in den Sternen. Zurzeit läuft auf dem Luzerner WLAN ein Testversuch mit Dual-Mode-Mobiltelefonie. Dabei verwenden die modernsten, auf dem Markt angebotenen Mobiltelefone automatisch das vorhandene WLAN-Netz für VOIP bzw. das GSM¬Netz ausserhalb des WLAN-Netzes.
Neuerdings macht auch die Stadt Biel Schlagzeilen, welche im Mai 2007 mit einem bis Ende Jahr befristeten WLAN-Test startete. Die Bilanz war so gut, dass der Test ab Januar 2008 vorerst weitergeführt wurde.