Heisse Orte lassen Nutzer kalt

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Drahtlos ins Internet – 400 Hot Spots bieten in der Schweiz diese Möglichkeit. Der FACTS-Test zeigt: Das teure Angebot setzt Erfahrung voraus, Service und Komfort an den einzelnen Orten variieren stark.
FACTS 44/2003, facts.ch, 30.10.2003
Rolf Hürzeler
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Gross-Event auf dem Zürcher Flughafen. Die Sahara-Geiseln kehren nach Monaten zurück in die Schweiz. Die Pressemeute hechelt den News nach. Und sie kämpft um Minuten bei der schnellen Übermittlung der Neuigkeiten. Reuters-Fotograf Andreas Meier lädt seine aktuellen Bilder von den gezeichneten Ankömmlingen aufs Laptop und schickt die Fotos drahtlos ins Internet an die Agentur zur weltweiten Verbreitung.

Meier und seine Kollegen sind bei Ereignissen wie diesem auf einen Hot Spot angewiesen, einen Ort, der via Funkverbindung den Internetzugang erschliesst. Im Vergleich zu ISDN-Verbindungen kann in der Regel ein Achtfaches der Datenmenge blitzschnell verschickt werden. Der ideale Arbeitsort für Pressefotografen, die ihre Bilder so rasch wie möglich beim Auftraggeber haben müssen.

Swisscom Mobile betreibt rund 350 Hot Spots in der ganzen Schweiz, der kleine Konkurrent Monzoon deren 40. Dazu kommen unzählige Zugangsorte zum Internet, die von privaten Initianten und Kleinunternehmen betrieben werden. Die Schweiz ist in den vergangenen Monaten zu einem grossen Hot Spot geworden.

Public Wireless Local Area Network (PWLAN) lautet die Fachterminologie der faszinierenden Kommunikationsidee: Jede und jeder kann überall mit jeder und jedem in Kontakt treten – drahtlos via Internet. An den nahezu 400 Hot Spots in der Schweiz ist die Idee bereits Wirklichkeit.

Nobelhotels wie das «Waldhaus» in Flims, Sportzentren wie der Basler Sankt-Jakob- Park oder der Klotener Schluefweg, Prestigebauten wie das Kultur- und Kongresszentrum in Luzern – das Internet ist überall ohne Kabel zugänglich. «Drahtlose Netzwerke überziehen die Schweiz», schreibt die Schweizer Fachzeitschrift für Informations- und Kommunikationstechnologie «ICT».

Noch übersteigt das Angebot die Nachfrage. Nur bei grossen Events sind die Hot Spots gefragt. «Bei einem Ärztekongress haben wir vielleicht zehn User», sagt Marco Volpi vom Badener Kongresszentrum «Trafo». In den Flughafen-Terminals werden nur selten Geschäftsleute gesichtet, die mit dem Laptop im Internet arbeiten. «Ich habe höchstens fünf bis sechs Gäste monatlich, die sich via Hot Spot einloggen», sagt Beat Gerber, Betriebsleiter des Motels «Grauholz» unmittelbar neben der A 1 im Berner Mittelland. Dabei hat er seinen gesamten Hotelkomplex inklusive Zimmer zu einem einzigen grossen Hot Spot einrichten lassen – damit das Internet für den Gast omnipräsent ist.

Noch verdient niemand Geld mit den Hot Spots, und keiner wird auf absehbare Zeit reich damit. «Für uns ist das eine Dienstleistung, die das Angebot für Geschäftskunden ergänzt», sagt Sepp Huber von der Swisscom. Und Matthias R. Koch von der Konkurrenz Monzoon registriert derzeit nur 200 Log-ins täglich: «Davon kann man noch nicht leben.» Ihn stimmt allerdings die 20-prozentige Zuwachsrate monatlich zuversichtlich, dass PWLAN eines Tages doch noch zum Geschäft wird.

Bevor es so weit ist, muss das Medium kundenfreundlicher werden, wie ein FACTS-Test mit dem Computerexperten und Hot-Spot-Designer Martin Baumberger an sechs verschiedenen Orten ergeben hat. Wissen und Erfahrung im Online-Bereich sind nötig, um den drahtlosen Zutritt zum Internet zu schaffen. Das wichtigste Hemmnis: Die Konfiguration zwischen Notebook beziehungsweise elektronischen Agenden und dem lokalen Access Point, dem Zugangsort zum Internet, muss gefunden werden. Andernfalls herrscht Funkstille. Deshalb profitieren derzeit vor allem professionelle Nutzer vom drahtlosen Internetzugang. «Künftig muss sich diese Konfiguration automatisch einstellen», sagt Baumberger, «nur so lassen sich neue Kunden gewinnen.»

Der Test hat weiter ergeben, dass Komfort und Service sehr unterschiedlich sind. Besuche in Hotels zeigen, dass hilflose Nutzer zwar oft auf die Unterstützung des gut informierten Personals zählen können. An öffentlichen Orten wie dem Flughafen beispielsweise bleibt der Nutzer dagegen auf sich allein gestellt.

«Wir stellen uns den Studenten vor, der im Starbucks Café online seine Semesterarbeit schreibt», sagt Markus Lerch, ein Hot-Spot-Fachmann der ersten Stunde. «Doch so weit sind wir in der Schweiz noch lange nicht.» Dazu sind vorderhand vor allem die Preise zu hoch – mit fast 15 Franken für das Einloggen mit Prepaid-Karte.

In den Vereinigten Staaten sind Hot Spots zwar ebenfalls noch kein Geschäft, aber weiter verbreitet. Das Kundenbedürfnis ist angesichts der grossen geografischen Distanzen mehr ausgewiesen als in der kleinräumigen Schweiz. Und die Dichte fester Internetzugänge ist hier zu Lande so gross, dass die drahtlose Verbindung im Vergleich zu andern europäischen Ländern fast als Luxus erscheint.

Doch was technisch möglich ist, fasziniert unabhängig von kommerziellen Interessen. Zu den Freaks der Branche gehört der Berner Stefan Rovetto, der in der Schweiz schon unzählige Hot Spots eingerichtet hat. Er macht ganze Quartiere, wie die Länggasse und den Breitenrain in Bern, zu einem einzigen heissen Ort. Rovetto bietet den Zugang zum Internet kostenlos oder gegen eine bescheidene Gebühr an. Sein Impetus ist die Weltanschauung: Er glaubt, dass die Erde ein besserer Ort wäre, wenn alle einander gegenseitig ein bisschen einfacher erreichen könnten. So hat er eine Initiative gegründet, die Jugendliche in Bosnien mit der Aussenwelt drahtlos verbinden soll.

Ist der Hot Spot möglicherweise nur ein Zufallsmedium für idealistische Weltverbesserer? Solange sich Datenübertragung per Handy (UMTS) nicht durchsetzt, bleiben die Hot Spots ein Thema – trotz aller Nachteile. Einer davon ist die Sicherheit. Das Fachblatt «Notebook» warnt vor «heimlichen Mitsurfern und Funkschnüfflern, die ein WLAN leichter anzapfen als ein Kabelnetz hinter dicken Betonmauern». Das Magazin erinnert daran, dass «der über das Funknetz laufende Datenverkehr belauscht werden kann.» Nur eine Verschlüsselung mit einem virtuellen privaten Netzwerk (VPN) biete bei heiklem Datenaustausch wirklichen Schutz.

Für den Durchschnitts-User bleibt die Sicherheit vorderhand unwesentlich. Für ihn ist die möglichst einfache Verbindung zum Access Point entscheidend; daran wird das neue Medium in Zukunft gemessen.