Mit der Pommes Chips-Dose ins Internet

Zitat:  
Stefan Rovetto prophezeit Burgdorf eine drahtlose Internet-Zukunft zu Tiefstpreisen: 500 Haushalte im Gyrischachen sollen für einen Monatsbeitrag von 20 Franken im Netz mailen und surfen können – und das mit Hilfe einfachster, selbst gebastelter Technologie.
Burgdorfer Tagblatt, 05.08.2003
Franziska Ramser
 Mirror 1  
 

Am Flussufer sitzen und ein E-Mail beantworten. Zuhause im Garten das Laptop aufklappen und aufs Firmennetz zugreifen. Oder einem Freund im Café die eigene Internetseite präsentieren.
Das alles ist unmöglich, schliesslich gelangt man ins Netz nur über einen Anschluss – jedenfalls solange man zum Surfen auf eine Telefonleitung angewiesen ist. Diese Zeiten sind vorbei, meint Stefan Rovetto vom Verein X-Event (Designosophie). Er bietet den 500 Haushalten im Gyrischachen kabelloses Surfen an – zeitlich unlimitiert zu einem monatlichen, fixen Vereinsmitgliederbeitrag von 20 Franken. Wie ist das möglich?

Über Funk ins Internet
Die Antwort heisst  «WLAN». Die Buchstaben stehen für «Wireless Local Area Network», was «drahtloses, lokales Netzwerk» bedeutet. Bei dieser Technik gelangt der Nutzer bzw. die Nutzerin mit seinem Computer per Funk an bestimmte Stationen («Hot-Spots»), die den Internetzugang ermöglichen. Dieses Verfahren ist zwar sehr schnell, aber nur innerhalb eines Umkreis von einigen hundert Metern möglich. Es kann also nicht flächendeckend eingesetzt werden. Swisscom, Orange, Monzoon, The-Net und weitere bieten den WLAN Service an gut frequentierten Orten wie in Bahnhöfen, Flughäfen, Hotels und auf Messegeländen an. Dort, wo auf engem Raum viele Menschen, vor allem Geschäftsleute, das Internet nutzen wollen. Der Benutzer braucht lediglich eine WLAN Karte und wählt sich dann vor Ort in den lokalen Hot-Spot ein. Sei es im Bahnhof Bern, an der BEA oder in der Hotelhalle. Je nach System, die Verbindung wird registriert, die Leistung auf der Handy-Rechnung abgerechnet. Bei der Swisscom wird die neue Technologie intensiv verfolgt und weiterentwickelt. «Aber», so der Presseverantwortliche Karsten Krenz, «bei WLAN muss man realistisch bleiben. Ein neuer Dienst braucht immer auch eine neue Infrastruktur – bis er im Massenmarkt ist, vergehen einige Jahre.»

Zwei Hot-Spots für 500 Haushalte
Wo befinden sich solche Ballungszentren ausserhalb der Geschäftswelt? «In Quartieren», hat sich einer der WLAN Pionier Stefan Rovetto gesagt. Im Breitenrain Bern, Länggasse und Luzern besteht bereits ein solches «Nachbarschaftsnetz», seit dem 6. Juli können auch die Gyrischachen-Anwohner in Burgdorf drahtlos surfen. Zwei Hot-Spots, die Signale empfangen und senden, hat Rovetto zusammen mit ein paar jungen Leuten im Quartier installiert. Damit kann im Umkreis von 0 bis 300 Metern gesurft werden – vorausgesetzt der Benutzer hat die nötige Hardware, die WLAN Karte für seinen Computer. Die Hot-Spots auf den zwei Gyrischachen-Balkonen sind nicht etwa teuerste Technologie: Rovetto hat lediglich einen Metallstab mit Unterlagsscheiben in einer «Pringles»-Chips-Dose platziert – das Konstrukt dient als Empfänger/Sender für den Datenaustausch.
Etwa zehn Leute seien bis heute dabei, sagt Rovetto. Gewünscht wären natürlich weitere Haushalte – aber die Leute von der neuen Technologie zu überzeugen, ist nicht ganz einfach. Rovetto verteilt Flyers und hängt im Quartier Informationsblätter auf. Sie erklären, wo gesurft werden kann, und welche Software es dazu braucht.

«surf-on-the-fly» Technologie mit sozialem Aspekt
Rovettos Engagement beschränkt sich aber nicht auf den technischen Aspekt, sondern hat auch eine soziale Absicht: Das Internet fördert den Kontakt zwischen Menschen. So sieht der Computertüftler im Rahmen des Designosophie-Vision «OST-WEST Jugendaustausch» vor, osteuropäische Jugendliche mit WLAN ans Netz zu bringen und den Austausch mit der Schweiz anzuregen. Dafür ist er zweimal im Jahr mit dem Auto unterwegs und knüpft Kontakte mit Schulen und Familien.

Als Zukunftsvision sieht er auch die Möglichkeit, ohne Computer ins Netz zu gelangen – via Fernsehgerät. «Man könnte so», meint Rovetto, «Leuten ohne Computer das Medium Internet näher bringen.» (fr)

X-Event (Designosophie)
Designosophie nennt sich selbst «Verein für sinnvolle Freizeitgestaltung». Der Verein arbeitet politisch und konfessionell unabhängig, und ist nicht gewinnorientiert.

Link
Pilot «surf-on-the-fly», openwireless.ch
Projekte X-Event (Designosophie), designo.ch
Computertreff für jung und alt, openwireless.ch