Wald, Wiesen, WLAN – das WWW der Riederalp

Zitat:  
Die Tourismusregion Riederalp setzt aufs Internet. Neu können Gäste und Einheimische mit einem offenen Netzwerk überall ins Internet – mitten in den Walliser Bergen.
tagesanzeiger.ch, 17.04.2007
Annette Müller
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Mit Alex Buchner sprach Annette Müller, Riederalp

Sonntag, der letzte Tag der Saison auf der Riederalp. Es tropft und taut. Der Bügellift dreht seine Runden, klappert nur leer über die Masten. Die meisten Restaurants sind bereits geschlossen. Auf der Sonnenterrasse des Restaurant Matterhorn sitzen vereinzelte Gäste, auf der Speisekarte steht: «As git nummu no das, wos no het.»

Konträr zur Tristesse des Saison-Endes steht die Aufbruchstimmung, die das Motto «Innovation trifft Tradition» verkündet. Damit wirbt das Walliser Dorf für sein kabelloses Netzwerk. Dank diesem ist neuerdings das ganze Dorf mit dem Internet verbunden. Das digitale Zeitalter ist also endgültig auf der Riederalp angekommen. Ein Rundgang mit dem Laptop zeigt: Das offene Netzwerk funktioniert. Man kann auf der Parkbank oder auf der Wiese mühelos im Netz surfen. – Wenn man denn will. Tourismusdirektor Alex Buchner, 35, erklärt, warum die Riederalp auf WLAN setzt.

Annette: Herr Buchner, warum braucht es ein offen zugängliches Netzwerk auf der Riederalp?

Alex: Die Initiative zum Projekt ist nicht von mir, sondern von einem Chaletbesitzer ausgegangen, der in der IT-Branche arbeitet. Für ihn stellte sich häufig die Frage nach einem unkomplizierten Internetzugang in den Bergen. So entstand die Idee für ein offenes WLAN. Das Jugendteam hier im Dorf wollte sich in der Sache engagieren. Ich wurde wegen der Finanzierung angefragt und erkannte das touristische Potenzial des Projekts. So sagte ich zu.

Annette: Worin besteht denn dieses Potenzial?

Alex: Heute will doch ein Tourist auch in den Ferien vernetzt sein. Und das möglichst unkompliziert. E-Mails beantworten, Aktienkurse prüfen oder Ferienfotos an die Daheimgebliebenen versenden: Das ist mit unserem WLAN nun ohne Weiteres möglich und für die Gäste sogar gratis.

Annette: Warum muss der Internetzugang kabellos sein? Auf der Skipiste braucht man ja kein Internet. In den meisten Hotels hier gab es schon vorher Web-Zugang für die Gäste. Bleiben noch die Ferienhäuser. Ist das WLAN vor allem für diese gedacht?

Alex: Ja. 90 Prozent der Betten stehen bei uns in den Chalets. Nur 10 Prozent entfallen auf Hotels. Die Chalets waren bisher kaum mit Internet erschlossen.

Annette: Stresst man die Feriengäste nicht damit? In den Bergen suchen viele doch eher Abgeschiedenheit. Und nicht die permanente Erreichbarkeit.

Alex: Wer nicht ans Internet will, ist ja nicht gezwungen. Die meisten Urlauber nehmen mittlerweile den Laptop in die Ferien mit. Diese haben nun ein Zusatzangebot, das sie nützen können, wenn sie möchten.
Bestand dazu eine Nachfrage?

Seit ich im Februar eine Informationsbroschüre heraus gegeben habe und vorab über das offene Netzwerk berichtet hatte, fragen jeden Tag einige Leute bei uns im Tourismusbüro nach, wie und ab wann das kabellose Internet funktioniere. Die Begeisterung ist gross.

Annette: Was ist der aktuelle Stand des Projekts?

Alex: Das Plateau Riederalp ist nun gut mit dem WLAN abgedeckt, es funktioniert. Im Frühling wollen wir auch noch die Mitteldörfer und Talgemeinden erschliessen. Anfang Sommer, wenn die Gäste kommen, soll alles bereit sein.

Annette: Ist von WLAN die Rede, stellt sich oft die Frage nach Datensicherheit und Haftung. Haben Sie sich damit auseinander gesetzt?

Alex: Wir bemühen uns um Sicherheit. Aber wenn jemand im Internet strafbare Handlungen begehen oder Schaden anrichten will, so findet der eine Möglichkeit. Unser System ist aber so aufgebaut, dass wir den Zugang der User nachverfolgen können. Wir werden Stichprobenkontrollen machen.

Annette: Das zeigt doch auch: Ein Gast, der sich in ein offenes Netzwerke einloggt, hat oft keine Ahnung worauf er sich einlässt. Richtig?

Alex: Das Netz birgt immer ein Risiko. Das Internet ist wie in Glashaus. Unser Netzwerk ist aber deswegen nicht anfälliger, als das normale Internet. Die Tendenz ist, dass es zunehmend WLAN-Netze geben wird. Die Branche wird sich darum vermehrt um diese Sicherheitsfragen kümmern und sich Lösungen einfallen lassen.

Annette: Befürchtet wird auch der Elektrosmog: Haben die Einwohner kritische Fragen zu allfälligen Auswirkungen des permanenten Netzwerks gestellt?

Alex: Nein. Wir haben im Dezember über das Projekt informiert und dabei auch die Strahlung angesprochen. Diese ist zwar vorhanden, aber verhältnismässig klein. Es gab darum auch keine Diskussionen.

Annette: Für das offene WLAN werben Sie mit einem Plakat: Das Bild zeigt eine Frau, die mit ihrem Laptop mitten im Schnee sitzt. Im Hintergrund das Bergpanorama und der Aletschgletscher. Dabei funktioniert so weit oben das Riederalper WLAN gar nicht. Ist das also eine PR-Masche?

Alex: Logisch, das ist eine Marketingtechnik. Wenn ich eine Innovation vorstelle, so tu ich das nicht einfach mit dem Namen eines Walliser Dorfs. Sondern ich verkaufe die Aktion mit dem Gletscher, den jeder kennt. Dann wissen auch gleich alle, wo das ist. In Werbung wird mit Emotionen gearbeitet.

Annette: Der Gletscher, das Wahrzeichen der Riederalp, schmilzt mit zunehmender Geschwindigkeit. Ist das eine Gefahr für die Tourismusregion?

Alex: Die grösste Gefahr für eine touristische Destination ist vielmehr, wenn sie keine deutliche Positionierung hat. Es gibt sehr viele Angebote für Touristen. Wenn man sich als Region nicht klar für einen Bereich entscheidet, schwimmt man im grossen Strom mit. Man ist ersetzbar.

Annette: Wenn die Riederalp nun WLAN anbietet, ist das Teil einer neuen Strategie?

Alex: Ja. Wir wollen unser Klientel, die Familien, zwar nicht aus den Augen verlieren. Statistiken zeigen aber, dass immer weniger Kinder geboren werden ...

Annette: ... und nun wollen Sie mit dem Internet nicht mehr Familien, sondern vermögende Businessleute ansprechen, die täglich ihren Aktienkurse checken wollen?

Alex: Nein, nicht unbedingt. Wir richten uns vermehrt an Junge. Vor allem an Studenten, die schon mit dem Computer aufgewachsen sind. Studierende werden später tendenziell gute Berufe ausüben. Sie werden vielleicht mit Familie oder als kinderlose Doppelverdiener wieder auf die Riederalp kommen. Gleichzeitig wollen wir aber auch die stark wachsende Gruppe der über 40-Jährigen für uns gewinnen. Als Region, die fast ausschliesslich vom Tourismus lebt, müssen wir so vorgehen.

Ein Bürgernetz für alle
WLAN steht für Wireless Local Area Network und bezeichnet ein kabelloses Funk-Netzwerk, das mit dem Internet verbunden werden kann. In vielen Schweizer Haushalten sind WLAN im Einsatz.

Davon profitiert nun die Region Riederalp: Dort benützt nicht mehr jeder Haushalt seinen eigenen Internetanschluss für sich, sondern einige Anschlüsse im Dorf sind mit speziellen Zusatzgeräten zu einem flächendeckenden Funknetz verbunden. Damit kann man mit einem Laptop (oder einem WLAN-fähigen Handy) überall Zugang zum Internet finden. Surfen viele Leute gleichzeitig, kann das System flexibel und optimierend reagieren.

Die Kosten für die Riederalper Infrastruktur belaufen sich auf rund 20 000 Franken und wurden von Sponsoren übernommen. Die Installationsarbeiten leistet der Jugendverein Riederalp unentgeltlich, er wird dabei unterstützt von der Openwireless Community. Diese Leute haben bereits ähnliche Netze in Städten wie St. Gallen, Bern, Zürich oder Luzern aufgebaut. Die Idee dahinter ist die des freiwilligen Geben und Nehmens in einem unabhängigen, offenen Bürgernetz für alle, also eine Art «digitale Nachbarschaftshilfe».

Solche offene Netzwerke sind in den USA bereits verbreitet, in der Schweiz sind sie aktuell stark im Kommen. Nebst initiativen Bürgern offerieren auch einige Firmen kabellosen Zugang ins Internet. Profit machen sie mit kostenpflichtigen Abonnements oder zwischengeschalteter Werbung. Auch manche Gemeinden und Städte bieten ihren Einwohnern mit je eigenen Konzepten Internet per WLAN an. Koordiniert sind die vielen Netzwerk-Projekte aber nicht.

Der Bund möchte dabei nicht als Akteur tätig werden. WLAN sind gemäss Peter Fischer, dem stellvertretenden Direktor des Bundesamtes für Kommunikation, «die Sache von Privaten und Firmen.» Der Bund setze Rahmenbedingungen, wolle aber nicht in den Markt eingreifen. Ab 2008 wird laut Fischer aber der Breitbandanschluss, – ob mit oder ohne Kabel – neu in die Grundversorgung aufgenommen. (amu)